Das Lexicon musicum Latinum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften


Was ist das Lexicon musicum Latinum?


Das 1960 begonnene Lexicon musicum Latinum (LmL) ist ein Wörterbuch der lateinischen musikalischen Fachsprache des Mittelalters (im Zeitraum 500-1500). Wie die anderen Wissenschaften bildete auch die Musik im Mittelalter ein eigenes, zum Teil sehr spezifisches Fachvokabular aus. Aus der Antike übernahm das Mittelalter vor allem Termini des Tonsystems. Die Verbreitung des gregorianischen Chorals erforderte ein neues Vokabular zur Beschreibung dieser Musik und ihrer Struktur. Die Praxis mehrstimmigen Singens und die allmähliche Entwicklung mehrstimmiger Komposition fand auch in der musiktheoretischen Literatur ihren Niederschlag und erweiterte das Vokabular zur Kompositionslehre und den mannigfaltigen musikalischen Gattungen bis ins späte Mittelalter. Termini zur Notation von Musik standen seit dem 13. Jahrhundert im Mittelpunkt der musiktheoretischen Erörterungen. Mit der Mensuralnotation, die es zum ersten Mal ermöglichte, Tonhöhe und Rhythmus exakt festzuhalten, entstand ein sich immer weiter verfeinerndes, oft regional unterschiedlich ausgeprägtes System. Gleichzeitig gewann auch die Beschreibung von Instrumenten immer größere Bedeutung. Diese vielfältige Terminologie in ihrer sachlichen Bedeutung zu erklären und in ihrem historischen Kontext zu beschreiben, ist Aufgabe des Lexicon musicum Latinum.


Wozu braucht man das Lexicon musicum Latinum?

Die Musik des Mittelalters ist die Grundlage unserer europäischen Musikkultur. In diesem Zeitraum hat sich die Mehrstimmigkeit von einfachsten Formen bis zu einer hochdifferenzierten Kompositionstechnik entwickelt, wurden viele Kompositionsgattungen begründet und die Urformen unserer heutigen Notenschrift erfunden. Trotzdem haben wir den unmittelbaren Kontakt zu dieser Musik verloren. Um einen Zugang zu gewinnen, stehen uns nur zwei Arten von Quellen zur Verfügung:

1. Noten- und Neumenhandschriften

Die Notation der mittelalterlichen Musik ist von unserer Notenschrift her nicht zu verstehen, obwohl sich viele Elemente unserer Notenschrift direkt aus der mittelalterlichen Notation herleiten lassen. Übertragen können wir diese Notation nur mit Hilfe der mittelalterlichen Schriften über Musik, die uns eine Erklärung der Notation geben.

2. Musiktheoretische Handschriften

In den musiktheoretischen Traktaten erfahren wir nicht nur, wie die Notation der Musik zu verstehen ist, sie geben auch Aufschluß über das Musikverständnis im Mittelalter überhaupt: die Einbindung der Musik in die Harmonie des Kosmos, ihre Stellung in der Liturgie, ihre Kompositionstechniken und vieles andere. Damit wir das musiktheoretische Schrifttum verstehen können, brauchen wir vor allem die Erklärung des fachspezifischen Vokabulars. Diese Aufgabe erfüllt das Lexicon musicum Latinum.


Wie entsteht das Lexicon musicum Latinum?

Der Weg von der mittelalterlichen Handschrift bis zum Wörterbuchartikel sei am Beispiel des Wortes ancus kurz dargestellt. Dieser Terminus kommt in mehreren Musiktraktaten des Mittelalters vor, so auch in der Abhandlung des Heinrich Eger von Kalkar aus dem Jahre 1380, für welche die oben abgebildete Handschrift der Berliner Staatsbibliothek Mus. theor. 1325 eine wichtige Quelle darstellt. Zweimal findet sich auf der abgebildeten Seite das Wort ancus.

Wie viele andere Musiktraktate des Mittelalters, ist auch dieser Text bereits entziffert und in einer modernen Edition veröffentlicht worden.

Die Ausgabe von Heinrich Hüschen (Köln 1952)


In den vergangenen Jahren sind beim LmL sämtliche in modernen Editionen gedruckten Musiktraktate des Mittelalters gesammelt und mit Hilfe elektronischer Datenverarbeitung gespeichert worden. Dabei mußten alle Texte in Bezug auf ihre Originalität, die Echtheit von Autorenzuschreibungen, Datierung und Lokalisierung bewertet und eingeordnet werden. Auch der Handschriftenbestand wurde gesichtet und in Bezug auf wichtige Ergänzungen des bisher veröffentlichten Materials ausgewertet.


Die Datenbank des Lexicon musicum Latinum umfaßt derzeit mehr als 500 Texte mit einem Gesamtbestand von rund 3 Millionen Wörtern. Neu hinzukommende Editionen werden umgehend in die Datenbank übernommen. Über verschiedene Module des eigens für das LmL erstellten Programmsystems, das inzwischen über 10000 Zeilen Programmcode umfaßt, ist es möglich, die Daten zu bearbeiten und nach verschiedensten Kriterien zu durchsuchen.

 

Das Bildschirmmenü der LmL-Datenbank


Aus der Datenbank werden alle Belegstellen für das gewünschte Wort auf Zettel ausgedruckt, mit deren Hilfe dann der Wörterbuchartikel bearbeitet wird:


Hier setzt nun die eigentliche wissenschaftliche Wörterbucharbeit ein. Zahlreiche Aspekte müssen bei der Erstellung des Artikels berücksichtigt werden:

Zur Disposition (Gliederung) des Artikels entsprechend den Bedeutungsaspekten:


Zur Auswahl der Belege, die zitiert werden sollen:


Zu den Belegen selbst:


Zur bisherigen Forschung:


Am Ende der Arbeit, nachdem die zitierten Belegstellen auch nochmals mit dem jeweiligen Editionstext verglichen wurden, steht der fertige Wörterbuchartikel, der nun eine Reihe von Informationen, zur Wortbedeutung vor allem und ihrem chronologischen Wandel enthält: